Nördlicher kommen wir diesmal nicht. An der Nordküste von Estland endet unser “Hinweg” in diesem Urlaub und nach dem Blick auf den Golf von Finnland wird es wieder gen Süden gehen.
Zwei sehr gepflegte Einfamilienhäuser am Meer, ein sehr großer Garten mit satt grün leuchtendem Rasen und liebevollen Beeten drumrum. Ob das mit dem Campingschild ernst gemeint ist? Ist es! Ganz am Ende des kleinen Ortes Käsmu im Nationalpark versteckt sich ein ebenso charmanter wie ungewöhnlicher Campingplatz. Eines der Häuser ist zwar in Wahrheit ein zu vermietendes Ferienhaus, aber trotzdem stehen wir nun allein und vom Haupthaus durch eine hohe Hecke getrennt in unserem kleinen Privatpark – geht schlimmer.
Wir erlaufen uns am nächsten Tag den anschließenden Küstenabschnitt, lesen uns gespannt durch den Naturlehrpfad im Naturwald und genießen diesen tollen Flecken Erde. Das Lahemaa Nationalpark erstreckt sich über mehrere Finger, die hier im Norden ins Meer ragen. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Sehenswürdigkeiten von Natur bis Siedlungsgeschichte und Militär-Hinterlassenschaften. Die Infobroschüren und ausgestellten Karten sind sehr schön gemacht; eigentlich könnten wir alleine hier eine Woche verbringen…
Leider müssen wir stattdessen langsam wieder an die Rückfahrt denken und es gilt, eine Route zu finden. Von einer französischen Familie in Elternzeit bekommen wir das Gut Palmse empohlen. Die gesamte, komplett restaurierte Anlage besteht neben dem Haupthaus aus einem weitläufigen Parkgelände und zahlreichen Nebengebäuden nebst Organgerie und – dem Schmied! Die Geschichte des Landguts reicht ins 13. Jahrhundert zurück und ist ab dem 17. Jahrhundert eng mit der des deutsch-baltischen Adels verbunden. Die Details würden hier den Rahmen sprengen, aber es gibt ja wikipedia. Der Schmied steht zwar sicher nicht auf wikipedia, ist aber insbesondere mit Kindern einen Besuch wert.
In einer dunklen, rauchigen Holzhütte am Rande des Anwesens arbeitet er hier wie in alten Zeiten und schmiedet verschiedenste alte Waffen und andere Gegenstände. Schnell verstehen wir, dass nicht nur die Schmiedekunst zu seinen Leidenschaften gehört, sondern auch das Sammeln von allerlei alten Kriegsgerät, das er in den Wäldern der Umgegend findet. Alte Äxte von Napoleons Armeen bis in die Zeit des letzten Weltkriegs liegen hier neben Kanonenkugeln aus Stein und Eisen. Dazwischen zu Hauf seine eigenen Nachbauten von Speeren, Hämmern, Pfeilen, Streitäxten und Schwertern. Würde das allein schon für große Kinderaugen reichen, greift er beim Stichwort Kanonen hinter sich und fischt einen improvisierten Mörser aus Metall auf seiner Sammlung. Anschließend ein kurzer Griff in die erkalteten Kohlereste und schon haben die Kinder ein Stößel in der Hand und bekommen erklärt, sie sollten doch bitte die Kohlestücke im Mörser zu Staub zerstampfen.
Die beiden machen sich mit verwunderten und gespannten Blicken an die Arbeit. Unter der Anleitung des Schmieds verschwindet noch der letzte Kohlekrümel und schon steht er mit einer kleinen Messingdose neben den beiden und zaubert daraus einen großen Löffel weißliches Pulver hervor. Salpeter. Den mischen die Kinder nun unter den Kohlestaub und der Schmied bedeutet uns, dass wir den Rest wohl besser vor der Hütte erledigen. Die Kinder haben soeben ihr eigenes Schwarzpulver hergestellt und nun wollen alle auch sehen, ob der gar nicht so kleine Haufen Pulber auch ordentlich brennt.
Wir bekommen eine Art Privatfeuerwerk und stehen hustend im Pulverqualm. Nicht sicher, ob das Ganze durch den deutschen TÜV gegen würde, aber beeindruckend und spannend war es! Im Übrigen ebenso wie das Werfen von Wurfbeilen und -sternen und das Bogenschießen, das folgte. Der Schmied wird den Kurzen im Gedächtnis bleiben…
Nach dem Besuch auf Gut Palmse geht es gen Süden, so langsam zurück nach Lettland.










