Letzter Tag in Albanien. Wir müssen mit Henrik an die immerhin gut 1.700km lange Rückreise denken und deswegen steht heute der letzte Ausflug in die Abgeschiedenheit der albanischen Alpen an. Nach Thet geht es heute ins Vermosh-Tal. Das Dorf dort ist die nördlichste Ansiedlung Albaniens und der Weg nach Montenegro deutlich weniger beschwerlich als der an die Küste.
Auf den ersten Kilometern kommen wir gut voran. Entgegen allen Karten haben die Orte Koplik und Ivanaj kürzlich Ortsumgehungen bekommen. Wir sind deutlich schneller als erwartet in Hani i Hottit und erleben hier die zweite Überraschung. Die Straße nach Vermosh ist entgegen den Reiseführern nicht geteert sondern befindet sich aktuell in der Überarbeitung. Breiter, glatt geschobener Schotter statt löchriger Asphalt, so kommen wir auch hier schnell zu den Bergen am Horizont. In einem abenteuerlichen Serpentinen-Knäuel windet sich die Straße zuerst auf den Pass, um anschließend in das nächste Tal hinab zu führen. Unabhängig voneinander fällt allen 3 Erwachsenen derselbe Vergleich ein: das hier ist der Trollstigen Albaniens. Über 500m unter uns liegt ein enges grünes Tal, der Weg dorthin ist deutlich eine Baustelle. Große Bagger und LKW schaffen Gesteinsbrocken von der Straße, die alte Befestigung ist an vielen Stellen abgerutscht. Wir fahren vorsichtig durch die Baugeräte und werden einmal mehr freudig gegrüßt. Zwei Daumen hoch und “Germania!”-Rufe vom LKW-Fahrer, winken und Lachen vom Baggerführer. Als Gäste in diesem Land fühlen wir uns mal wieder sehr willkommen.
Unsere tägliche Pflicht-Mittagspause verbringen wir in Tamare. Hier wird einmal mehr deutlich, dass sich scheinbar die Alpen-Anrainer die albanischen Bergregionen in Sachen Entwicklungshilfe aufgeteilt haben. Wir sind aktuell wohl im italienischen Sektor und Tamare hat eine Ortsumgehung und eine Piazza bekommen. Die 2 Lebenmittelmärkte plus Cafe und Restaurant liegen in einer Mini-Fußgängerzone. Nach Cafe und Wasser besuchen wir den ausgewiesenen Öko-Laden. Schlauchartiger enger Raum ohne Licht, nackte Wände. Direkt hinter dem Eingang auf dem Fußboden ein altes Aquarium mit schwarzen Fischen. Das Aquarium gespeist von einem Schlauch, der aus der Decke kommt. Gegenüber einfache Kellerregale mit einem bunten Sortiment an Waren. Nudeln, Konserven, div. Gläser mit lokalem Inhalt – leider kein Zucker, der ist uns ausgegangen. Die Variante “Hände und Worte” scheitert, wir werden in den nächsten Raum gebeten. Ein weiteres Regal, noch bunteres Sortiment. Hygiene-Tücher neben Vodafone Prepaid-Karten, daneben Nagellack und Gasbrenner. Auf dem untersten Boden erspähe ich verstaute Tüten. Es gibt tatsächlich Zucker! Den Einkaufzettel komplettiert leeren wir unsere LEK-Bestände ein weiteres Mal; jetzt wird es knapp mit einem Campingplatz heute Abend.
Weiter gen Vermosh. Hinter dem Ort ist die Piste auch keine ordentliche Baustelle mehr, sondern ein einfacher Track. Mit wechselnden Ausblicken auf abgeschieden liegende Gehöfte und tollen Panoramen arbeiten wir uns gen Norden. Die letzte Abfahrt und wir stehen… auf einer Teerstraße mit Straßenschildern. Aus ungeklärten Gründen hat wohl jemand dieses Tal im hintersten Zipfel Albaniens mit einer Teerstraße ausgestattet. Wir rollen die kommenden paar Kilometer westwärts ohne Gerumpel; für die letzten Meter nach Vermosh folgen wir dem Bachlauf in seinem Kiesbett, dann ist Schluss mit der Straße. Stefan testet die letzten Meter alleine, mir ist der Weg zu eng, falls ich wenden muss. Jetzt nur noch einen Platz für die Nacht finden und Henrik kann endlich draußen ein bisschen spielen – dachten wir. Stefan wendet gerade gut 200m von uns entfernt seinen Wagen und ich registriere aus dem Augenwinkel, dass sein Auto einen komischen Satz macht. Kurz darauf kommt aus dem Funkgerät ein leicht gehetztes “komm her, schnell”. Beim Wenden hat unser zweites Auto einen betonierten Wasserabfluss übersehen und hängt nun ziemlich schräg am Wegesrand. Rad links vorne hängt lose über dem Graben, Rad rechts hinten hängt auf Bauchhöhe in der Luft; der Wagen wird gehalten von den beiden übrigen Rädern und der Stelle, an der das Auto auf dem Beton aufsitzt. Die Bergeaktion dauert gut 20min und wir sind die Attraktion des Ortes. Landy sichert Toyota mit Bergeseil und Stefan setzt mit einem großen Satz zurück auf den Weg.
Mit von der “Rettungscrew” ist ein Albaner, der fließend englisch spricht. Wo wir übernachten wollen und ob er uns später noch einmal besuchen darf? Wir holen uns die Erlaubnis, die Nacht im Kiesbett des Baches stehen zu dürfen und verabschieden uns auf den “Stellplatz” ein Stück bachaufwärts.
Morgen geht es über die Grenze nach Montenegro und damit unvermeidlich auf den Heimweg. Mit dem Besuch im Vermosh-Tal haben wir unsere Zeit schon maximal ausgenutzt.
Tagestrack












