Vermosh – der Abend

Unser Platz im Bach ist super. Keine Scherben, große runde Steine und viel Sand dazwischen für Henrik. Stefans Hobo-Kocher dient als Grill, wir genießen unseren letzten Abend in Albanien, als wir tatsächlich noch einmal Besuch bekommen.

Der englisch sprechende Albaner kommt mit Bier (für die Männer), Apfelsaftschorle (für Christiane) und Pfirsichsaft (für Henrik) zu uns ans Feuer. Die Höflichkeit gebietet es, dass er uns in seinem Land und Tal mit allem versorgt, was wir benötigen. Ob wir noch Sachen für Henrik brauchen, ob Frau und Kind lieber im Haus schlafen wollen, ob wir Essen brauchen. Wir versichern, dass wir uns schon über die Getränke sehr gefreut haben und lenken das Thema auf andere Dinge. Wir erfahren viel über das Tal und die Zustände in der Zeit vor dem Umbruch. Als unser Bier ausgeht, besteht er auf Nachschub. Es gäbe einen kleinen Laden im Dorf, ob einer von uns mitkommen möchte? Klar! Weder hätten wir die Ansammlung an geduckten Häusern als echtes Dorf identifiziert noch haben wir etwas gesehen, dass noch einem Laden aussah.

Das Bachbett 200m zurück, vorbei an Stefans Unglückstelle geht es auf das erste eingezäunte Areal zu. Wir steigen über die Holztreppen, die an jedem Zaun angebracht sind und laufen über ein Grundstück. Das sei das Haus seines Cousins, wir müssen noch weiter. Nächste Holzstiege, nächstes Grundstück. Hier sind nirgendwo Wege angelegt. Wir laufen über blanke Erde und etwas Gras. Wenn das die Haupt-Verbindungswege des Ortes sind, wird das nach einem Regen interessant, denke ich mir. Durch ein letztes Tor und wir stehen vor einem kleinen Verschlag, am ehesten wohl ein kleiner Schuppen. Alte Holzwände, ein bisschen schief und Wellblech auf dem Dach. Nach dem Eintreten wird klar: das ist der Laden. Im hinteren Bereich stehen Metallregale mit allerlei Waren, es gibt einen Kühlschrank, eine Ladentheke und sogar einen kleinen Tisch davor.

Ich werde der Frau hinter der Theke vorgestellt, dann ihrem Mann, der dazukommt. Wir müssen unbedingt auf ein Bier hierbleiben, es gibt im Ort jemanden, der Deutsch spricht. Während wir warten erzähle ich mit Hilfe meines Übersetzers unsere Tour, wie angetan wir von Land und Leuten sind und warum wir eigentlich hier Urlaub machen. Unverständnis herrscht darüber, warum man freiwillig im Bachbett übernachtet, zudem in den Autos. Camping und der Reiz, draußen in der Natur zu schlafen, ist hier unbekannt und vermutlich auch in den Augen der Dorfbewohner sinnlos. Sie sind jeden Tag draußen auf Weiden und Feld und froh, wenn sie abends zurück im Haus sind.

Deutsch sprechen war das Thema. Ein schüchterner 10-jähriger betritt die Hütte und begrüßt mich in recht gutem Deutsch. Alter, Wetter, unser Eindruck des Ortes, wo seine Schule liegt. Er hat sichtlich keine Probleme, dem kleinen Small-Talk zu folgen und antwortet fließend. Die stolzen Eltern stehen daneben und warten gespannt auf mein Urteil. Per Übersetzung lobe ich die Sprachkenntnisse und bestätige, dass es auch wirklich Deutsch ist. Kurios wird es bei der Frage, woher er das denn eigentlich kann. Schule? Nein, SuperRTL. Sein Bruder und er sind Fans der Serie SpongeBob und die gibt es nur auf Deutsch in SuperRTL per Satellit. Vor mir steht also ein 10-Jähriger, der sich allein durch angucken einer Fernsehserie deutsch beigebracht hat! Später kommt noch sein älterer Bruder hinzu, gleiches Ergebnis.

So stolz die Eltern sind, so wenig haben sie Verständnis dafür, warum die Fremdsprachenkenntnisse ihrer beiden Söhne nützlich sein könnten. Auf dem Rückweg zum Auto (noch mehr Bier im Gepäck – natürlich) erfahre ich von unserem Besucher, dass sich die Bewohner keinen rechten Reim auf die Touristen machen können, die seit einiger Zeit täglich im Tal auftauchen. Man sei sich sehr unsicher, was sie wollten, welche Angebote Zustimmung finden würden und ob und wie jeder Einzelne damit etwas verdienen könne. Eine kurze Ideensammlung meinerseits – Campingplatz am Ende des Tals, denn jeder fährt einmal bis ganz ans Ende durch, den Laden etwas größer machen und ein Schild aufstellen etc – findet er interessant; es wird aber deutlich, dass es wohl keine Umsetzung geben wird.

Spät am Abend verabschieden wir uns von unserem Besucher und sind um viele Eindrücke reicher, die wir ohne unseren Besucher nie bekommen hätten.

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One Response to Vermosh – der Abend

  1. Stefan says:

    Man könnte hier noch die Geschichte vom Abreisetag ergänzen …

    Grenzübergang nach Montenegro – wir stehen noch auf albanischer Seite. Vor uns fährt ein Jeep GC, der direkt vor der Grenze geparkt wurde (englisches Kennzeichen, nur hinten). Aus dem Jeep steigen 4 Männer, die offensichtlich zu Fuss über die Grenze wollen, Ziel unbekannt.
    Einer spricht sehr gutes Englisch. Nach überqueren der Grenze nach Montenegro werden wir gefragt, ob wir sie in den nächsten Ort mitnehmen könnten. Wir bieten an 2 Mann mitzunehmen, für mehr haben wir leider keinen Platz. Ich nehme den mit den Sprachkenntnissen mit und bin mal etwas neugierig bei der Fahrt zum nächsten Ort.
    Sie wollen nur in den Supermarkt, das wäre der nächste den man erreichen könnte. Sie kommen aus einem der tiefen Seitentäler, die man bei Anfahrt nach Vermosh passiert, den Namen hab ich leider wieder vergessen.
    Dann fügt er noch hinzu, er würde eigentlich in New York wohnen und sei nur zu Besuch 😉 .
    An dem Abzweig zum Ort mit dem Supermarkt angekommen, sehe ich dass dieser auch für uns praktisch wäre, um unsere fehlenden Vorräte zu ergänzen. Ich bedeute meinem Beifahrer, dass wir aber dringend vorher einen Geldautomaten benötigen würden. Nun beginnt eine interessante Fahrt durch die Kleinstadt – wir halten mehrfach an, er fragt immer mal wieder Passanten, die uns mehr oder weniger verständlich den Weg weisen, nach 10 Minuten stehen wir tatsächlich vor einem Geldautomaten, der Euros ausspuckt.
    Solche Geschichten kann man in Albanien fast jeden Tag erleben. Es lohnt sich auf jeden Fall auch Anhalter mal mitzunehmen – diese sind immer total begeistert, wenn ein Tourist für sie anhält und wenn sie zufällig noch Englisch sprechen, kann man auch noch ein bisschen mehr über das Land erfahren.

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