Gestern Abend ist es für unsere Verhältnisse spät geworden. Unser Übernachtungsplatz ist daher der Tatsache geschuldet, dass Henrik einfach keine Lust mehr hatte. Wir stehen auf einer dichten Wiese am Fluss, die Auswahl an Abfahrten von der Piste war klein.
Heute wollen wir hauptsächlich einmal schauen, ob die immer wieder zu lesenden Empfehlungen für eine Fahrt durch das Tal berechtigt sind. Bislang war die Anfahrt eher unspektakulär und uns sind vor allem die aufdringlicher werdenden Kinder aufgefallen. Während wir sonst im Land auf winkende Hände gestoßen sind, rennen die Kleinen im Tal gezielt zu unseren Autos und halten die Hand auf. Es mag jeder für sich beurteilen, wie damit umzugehen ist. Wir finden diese Entwicklung befremdlich.
Die Besiedlung des Tals wird auf dem Weg nach Norden dünner und die Straße gewinnt an Höhe während sich das Flusstal zunehmend verengt. Der Drin hat sich in diesem Abschnitt tief in die hohen Felswände eingegraben und die hier lebenden Bauern trotzen kleinen Feldern an den Hängen ihre Ernte ab. Wir kommen langsam voran und nehmen uns Zeit, die Szenerie zu würdigen. Die Mittagspause findet heute an einem Seitenarm des Flusses statt, den wir über eine weitere abenteuerliche Brücke überqueren.
Die Straße windet sich Kilometer auf Kilometer am Berg entlang, bevor sie ziemlich unvermittelt in eine nagelneue Asphaltstraße mündet. Die Hauptverbindung von Peshkopie im Süden nach Kukes im Norden läuft heute weiter östlich, dem Drin-Tal blieb ein Ausbau damit erst einmal erspart.
In Kukes angekommen müssen wir das erste Mal rechnen. Wir haben zwar noch rd. 1,5 Wochen Zeit, aber auch gute 1.700km Heimweg und noch einige Punkte auf der Liste. Schweren Herzens verabschieden wir uns für dieses Mal von der nord-östlichen Ecke Albaniens. Durch den Wegfall der Autofähre ist die gesamte Region bis zum Valbona-Tal zu einer einzigen tagefressenden Sackgasse geworden. Wir entscheiden uns daher, von Kukes aus auf der A1 – der einzigen Autobahn des Landes – an die Küste zu düsen. Dort wird ein Ruhetag folgen und wir planen, dann Teth und evtl. das Vermosh-Tal zu besuchen.
So schön die Autobahn zu fahren ist: in diesem Land und nach all’ den Tagen auf Schotterposten wird uns bewusst, welche Massen an Gestein und unberührter Landschaft für diese Strecke weichen mussten. Das hügelige Bergland Albaniens zwingt die Straßenbauer dazu, ganze Bergflanken abzutragen, um eine einigermaßen vernünftige Autobahn zu gewährleisten.
Morgen ist Ruhetag, dann geht’s auf den Endspurt 🙂





